Energie

Gemeinschaftliche lokale Energie

Energie und Umwelt sind untrennbar miteinander verbunden. Die Energieerzeugung, betrachtet man die gesamte Kette von der Gewinnung fossiler Brennstoffe bis zu ihrer Verbrennung und schließlich der Entsorgung von Abfallprodukten, hat enorme Auswirkungen auf die Umwelt und ist der weltweit größte CO2-Produzent. Selbst im Prinzip emissionsfreie Erzeuger wie Wasserkraftwerke, aber auch Windkraftanlagen, haben erhebliche Umweltauswirkungen, genauso wie die Fertigung von Solarzellen für die Photovoltaik. Um das gleiche Ergebnis zu erzielen, sollten daher Energieeffizienz und geringerer Verbrauch einer zusätzlichen Erzeugung vorgezogen werden, unabhängig von ihrer Art.

Der sauberste Strom ist der, der weder erzeugt noch verbraucht wird.

Die für Südtirol derzeit wichtigsten Themen, bei denen das Autonomiestatut lokale Lösungen ermöglichen könnte, sind der Strommarkt und die Energiegemeinschaften. Ein weiteres Schlüsselthema sind natürlich die großen Konzessionen, aber hier wurden die Entscheidungen bereits gefallen und jetzt geht es vor allem um die Verwaltung der Ausschreibungen.

Freier oder geschützter Strommarkt?

Seit 2007 ist es in Italien möglich, seinen Gas- und Stromlieferanten selbst zu wählen. Bis vor zwei Jahren hatte nur die Hälfte aller Haushalte von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht (insgesamt gibt es etwa 28 Millionen Haushalte und Kleinstunternehmen als Stromkunden). Heute sind immer noch 9 Millionen Verbraucher, ein Drittel der Gesamtbevölkerung, auf dem geschützten Markt.

Was ist der Unterschied zwischen dem freien und dem geschützten Markt? Der Hauptunterschied besteht darin, dass auf dem freien Markt die Verkaufspreise von den teilnehmenden Unternehmen festgelegt werden, während sich der Preis auf dem geschützten Markt am Durchschnittspreis an der Strombörse im letzten Quartal orientiert. Alle Stromlieferanten sind verpflichtet, ihren Strom an der Strombörse zu beschaffen, so dass die Preisunterschiede von ihren rein finanziellen Erwägungen und Einschätzungen abhängen. Auf dem geschützten Markt, dagegen, ergibt sich der Preis aus dem Wettbewerb zwischen den Erzeugern, wie von der Börse widergespiegelt wird.

Nach den geltenden Marktregeln in Italien ist es nicht erlaubt, einen Verkaufspreis anzubieten, der auf den tatsächlichen Erzeugungskosten basiert; dem kommt der Preis im geschützten Markt am nächsten. Die Regeln der Strombörse treiben die Preise in die Höhe, da die Ausschreibungen mit dem höchsten Gebot abgeschlossen werden, das dann für alle Erzeuger gilt, auch für diejenigen, die mit geringeren Kosten arbeiten.

Es steht mir nicht zu, zu sagen, ob der freie oder der geschützte Markt besser ist. Es muss jedoch auf einen grundlegenden Widerspruch hingewiesen werden. Auf dem freien Markt sind wir verpflichtet, einen privaten Anbieter zu wählen. Diejenigen, die sich diese Frage nicht stellen wollen oder an den geschützten Preis glauben, haben auf einem Markt, der als frei bezeichnet wird, keine Wahl.

Auf dem Civis-Portal der Provinz wurde unabsichtlich das Bild einer Stromkundin im freien Markt veröffentlicht, gerade beim Erhalt der Rechnung am Ende der Werbeaktionen und Versprechungen ihres Anbieters.

Die Gründe für die Skepsis gegenüber Strommärkten für kleine Endkunden sind berechtigt. Es ist notwendig, in die Kosten-Nutzen-Rechnung die Ausgaben einzubeziehen, um Millionen von Verbrauchern in die Lage zu versetzen, gut informierte Entscheidungen zu treffen. Es ist nicht sicher, dass das Ergebnis zugunsten des Nutzens ausfallen wird. Strom wird in einem komplexen integrierten System erzeugt, das wenig Möglichkeiten für den Wettbewerb bei der Verteilung bietet. Es ist ein sehr komplexer Wirtschaftszweig mit sehr geringen Gewinnspannen. Dieses Konzept stammt von Alfred E. Kahn, dem Vater der Deregulierung der Fluggesellschaften in den USA während der Präsidentschaft von Jimmy Carter und Doyen der Deregulierung in anderen Sektoren, in erster Linie der Telefonunternehmen. Er ist also kein vollblütiger Feind des Marktes. Selbst wer mit den Überlegungen des Ökonomen Kahn voll und ganz einverstanden ist, muss trotzdem auf den freien Markt umsteigen?

Über die Strommärkte habe ich mehrere Artikel und Essays veröffentlicht, unter anderem

Energia da servizio a merce, il manifesto, 20 luglio 2000

USA al buio e l’Europa copia, il manifesto, 20 agosto 2003

Efficienza energetica, Ideazione, 02/2007

UE ed energia: fatti o favole?, Nuova energia, 2-2020

Il mercato retail dei fagioli in scatola, Nuova energia, 2-2021

Erneuerbare Energien

Eine Forderung, die immer wieder erhoben wird und in der sich mehr oder weniger alle politischen Kräfte einig sind, ist die verstärkte Nutzung erneuerbarer Energien. Dem stimme ich voll und ganz zu. In manchen Fällen grenzen die Forderungen ans Extreme, wie z.B. der Vorschlag, die Installation von Photovoltaikanlagen auf allen Dächern zu erzwingen (wer bezahlt das?). Grundsätzlich ist aber der Umstieg von fossiler auf erneuerbare Energieerzeugung alternativlos, wenn man es mit der Reduzierung der Treibhausgasemissionen ernst meint.

Was auf keinen Fall richtig ist, ist der Vorschlag, die Erzeugungsquellen direkt zu ersetzen und den Verbrauch unverändert zu lassen. Das geht nicht. Es ist nicht durchführbar, zumindest nicht mit den derzeitigen Technologien und Energiequellen. Zusammen mit der Verbreitung erneuerbarer Ressourcen muss der Verbrauch völlig neu überdacht werden, entweder durch eine Reduzierung, wo immer dies möglich ist, oder durch eine Verlagerung auf die Uhr- oder Jahreszeiten, wann erneuerbare Ressourcen besser verfügbar sind. Ein kleines Instrument hierfür sind flexible Stromtarife, die im Abschnitt über Energiegemeinschaften behandelt werden.

Economia ecocompatibile, Charta Minuta, 2009

Milano a energia rinnovabile, Nuova energia, 3-2021

Energia, IT, mercato. E l’ambiente?, Start magazine, 1-2022

Energiegemeinschaften

Energiegemeinschaften waren eines der großen Themen des Jahres 2022 bis Anfang 2023. Sie sind seit dem Sommer aus der politischen Debatte verschwunden und sind derzeit gestoppt. Es gibt EU-Richtlinien, es gibt nationale Umsetzungsgesetze, es fehlen aber die Durchführungsbestimmungen und alles steht still.

Lohnen sich die Energiegemeinschaften? Na Klar, jeder, der sich an der Erzeugung von Gemeinschaftsstrom beteiligt, bekommt 10 oder 11 Cent pro getauschter kWh. Wie schön, das rechnet sich sehr schnell. Aber Moment mal…

Nach dem Gesetz und den aktuellen Entwürfen der Durchführungsbestimmungen dürfen die Energiegemeinschaften die von ihnen erzeugte Energie nicht direkt nutzen, sondern müssen sie unter von Fall zu Fall festgelegten Vertragsbedingungen an das Netz verkaufen. Die einzelnen Verbraucher wenden sich weiterhin an ihre Stromlieferanten zu den von diesen festgelegten Preisen und Bedingungen. Am Ende eines jeden Halbjahres berechnet der Stromnetzbetreiber (Gestore del sistema elettrico, GSE) die getauschten kWh, d.h. die zur gleichen Zeit (in der Praxis zur gleichen Stunde) der Erzeugung verbrauchten kWh, und schreibt das Entgelt dem Konto der Gemeinschaft gut. Es ist Sache der Gemeinschaft, das Entgelt auf die Teilnehmer zu verteilen.

Dieses Modell, das im Übrigen noch nicht endgültig genehmigt und aktiviert worden ist, weist zahlreiche kritische Aspekte auf. Die Gründung einer Gemeinschaft ist wirtschaftlich sinnvoll, wenn die Differenz zwischen dem Preis für die verkaufte Energie und dem Preis für den Kauf der zu verbrauchenden Energie weniger als 10 oder 11 Cent beträgt. Ist die Differenz größer, kann es sinnvoll sein, getrennte Anlagen für alle Nutzer zu bauen und die verbrauchte Energie durch die erzeugte Energie kompensieren, ohne die Energiegemeinschaft.

Zu bedenken ist auch, dass die Umlage von 10-11 Cent/kWh nicht vom Netzbetreiber oder Energielieferanten getragen wird, sondern, genauso wie die Anreize für erneuerbare Energien, auf alle Stromkunden umgelegt wird. Das heißt, die Energiegemeinschaft wird von denen finanziert, die ihr nicht angehören, was nicht gerade ein glasklares Prinzip ist.

Energiegemeinschaften funktionieren auf der Grundlage der neuen elektronischen 2G-Zähler. Ich habe einige Gedanken und Erfahrungen zum lokalen Datenzugang (Nuova energia, 3-2022) und zur dynamischen Preisgestaltung (Start Magazine, 3-2022) veröffentlicht. Der jüngste Artikel ist den Energiegemeinschaften gewidmet und berichtet über Erfahrungen aus Deutschland (Nuova energia, 5/6-2022).

Bezüglich der Energiegemeinschaften habe ich mit Team-K bei der Vorbereitung eines Antrages zusammengearbeitet, der im Frühjahr 2023 eingebracht wurde, um das österreichische Modell der Energiegemeinschaften in Südtirol einzuführen. Das Grundprinzip dieses Modells ist die unmittelbare Abrechnung von Erzeugung und Verbrauch, ohne dass der Strom zu unterschiedlichen Preisen verkauft und zurückgekauft wird und ohne die Einschaltung von zentralen Stellen für die Berechnung. Einfach, direkt, praktisch, vorteilhaft. Dieses Modell kann mit zwei oder wenigen Nutzern beginnen und auf die Größe eines Gebäudes, eines Viertels oder auch einer kleineren Siedlung anwachsen. Gemeinschaften, die sich zu kleinen, lokalen Stromunternehmen entwickeln. Über den Vorschlag von Team K wurde in den Medien ausführlich berichtet, unter anderem in Südtirol News, stol und SWZ. Der Antrag wurde im Landtag angenommen.

Vorschläge

Im Hinblick auf das Ende des geschützten Marktes Anfang Januar 2024 muss die Möglichkeit dringend geprüft werden, in Südtirol einen zentralen Landesabnehmer, eine Einkaufsgemeinschaft oder etwas Ähnliches zu bilden, um den Verbrauchern entgegenzukommen, die direkt am freien Markt nicht teilnehmen wollen oder können. Ein großer Strommarktteilnehmer, der aber gegenüber den Endkunden als Garantieunternehmen auftritt, mit Preisen, die die tatsächlichen Kosten der Stromerzeugung widerspiegeln und nicht Finanzgeschäfte oder Spekulationen. Dies könnte vielleicht auch in der Form eines Sondertarifs von Alperia angeboten und denselben Grundsätzen folgen, wie sie jetzt vom Acquirente Unico angewendet werden. Die Einzelheiten müssen noch festgelegt werden, aber die Provinz sollte die Befugnisse der Autonomie nutzen, um diejenigen Kleinabnehmer zu schützen, die sich gegenüber den Markthaien hilflos fühlen. Nicht mit einmaligen Initiativen und Vergütungen, sondern mit langfristigen Tarifstrukturen. Das wird eines meiner Hauptthemen im Landrat sein.

Das Gleiche gilt für die Energiegemeinschaften. In diesem Fall wurde bereits ein Antrag gestellt, und auch hier müssen alle Möglichkeiten des Autonomiestatuts geprüft werden, um denjenigen, die dies wünschen, die Möglichkeit der eigenen Stromerzeugung zu geben. Sonnenkollektoren, Mini-Windturbinen, Strom-Wärme-Kopplungsanlagen und, in der Nähe geeigneter und nutzbarer Wasserströme, Mini-Wasserkraftwerken – All dies sind Lösungen, die den großen Stromversorgern nicht gefallen. Sie sind aber unverzichtbar, wenn wir wirklich zu einem dezentralen Energiesystem übergehen wollen, zumindest für kleine private und industrielle Verbraucher. Es muss möglich sein, das Modell der Energiegemeinschaften Österreichs und Deutschlands auf Südtirol zu übertragen.