Mein erster Besuch in der Sowjetunion fand 1977 statt, als junger Student mit Interesse für die russische Sprache. Es war die Zeit der Breschnewschen Stagnation, die mir in den folgenden Jahrzehnten viele nützliche Erinnerungen und Vergleiche bescherte. Eine weitere Reise erfolgte 1988, bereits auf dem Höhepunkt der Gorbatschow-Ära, für die Teilnahme an einem neuen Russischkurs in Moskau. Seitdem habe ich Russland mindestens einmal im Jahr besucht, bis ich 1997 dorthin ganz umgezogen bin. Zunächst als Angestellter einer multinationalen Anlagenbaufirma, seit 2003 und bis 2014 als Einzelunternehmer/ Berater.
Zu lange wurde Russland von uns nur als Lieferant fossiler Brennstoffe und Heimat reicher Touristen betrachtet. Erst heute erfahren wir, dass es auch der weltgrößte Exporteur von Getreide ist. Es verfügt über eine Hightech-Industrie – ohne die entsprechenden Fachkenntnisse werden keine zivilen und militärischen Flugzeuge hergestellt. Im IT-Bereich ist Russland der EU weit überlegen, es verfügt über weitaus besseres Know-How, wie im Abschnitt über die Digitalisierung beschrieben.
Mein Interesse an Osteuropa und Russlands (klar gesagt: ohne politische Hintergründe) machte mich zum ersten italienischen Besucher in Litauen unmittelbar nach der Unabhängigkeitserklärung (Lituania dove vai?, Nuova ecologia, giugno 1990) und Kontakte zu Ökoaktivisten in der UdSSR, die sich damals der Außenwelt langsam eröffnete, zu etablieren (I Verdi di Gorby, Nuova ecologia, dicembre 1990). Nach einem längeren Aufenthalt in Litauen Anfang der 1990er Jahre habe ich einen Buchbeitrag über die grüne und nationalistische Bewegung in Baltikum veröffentlicht.
Meine Erfahrungen in Russland im Energiesektor sind in einem kurzen Essay zusammengefasst (Nuova energia, 1-2022). Ein Interview, Russland wird im Ausland auf jeden Fall unterschätzt, wurde 2013 auf der Südstern-Website veröffentlicht. Eine Schilderung vom Leben in Russland in der goldenen Aufschwungszeit der Nuller Jahre, wenn auch mit ausländischen Augen betrachtet, wird von Manlio Casagrandes Buch L’anima russa ai tempi di Internet, auch als ebook erhältlich, vermittelt. Ein Jahrzehnt im Leben eines jungen Italieners, der in Russland eine neue berufliche Existenz erfolgreich aufgebaut hat.
Ich bleibe gegen die so genannte “militärische Sonderoperation”, die von Putins Russland ohne Rechtfertigung eingeleitet wurde, ohne Wenn und Aber. Die internen Entscheidungen in Russland und der Ukraine können wir kaum beeinflussen, es ist jedoch paradox, dass die Europäische Union, die größte Wirtschaftsmacht der Welt, keine positive und proaktive Rolle bei der Beendigung des Konflikts übernehmen kann. In vielen europäischen Regionen stimmen die ethnischen und kulturellen Grenzen nicht mit den geografischen und politischen überein – ein Beispiel dafür ist unsere eigene Provinz. In mehreren europäischen Ländern ist es jedoch gelungen, gemeinsame Lösungen für das Zusammenleben verschiedener Bevölkerungsgruppen auf demselben Land zu finden. Lösungen, die einem Krieg sicherlich vorzuziehen sind. Ich habe dafür kein fertiges Rezept. Es wird mit ziemlicher Sicherheit notwendig sein, eine völlig neue Herangehensweise zu identifizieren und zu verwirklichen.